Primaballerina Odette Valois wird nach einer triumphalen letzten Vorstellung von Schwanensee im Palais Garnier leblos in ihrer Garderobe entdeckt. Belladonna-Extrakt — Tollkirsche — in ihren Augentropfen verwandelte ein alltägliches Ritual hinter der Bühne in eine lautlose Hinrichtung.
Odette Valois wurde zum Tanzen geboren — im wahrsten Sinne des Wortes, denn ihre Mutter war ein ehemaliges Mitglied des Corps de ballet und meldete Odette mit neun Jahren an der Ballettschule der Pariser Oper an. Mit sechzehn war Odette die jüngste Erste Tänzerin in der modernen Geschichte der Compagnie, und mit fünfundzwanzig hatte sie die Rolle der Odile/Odette in Schwanensee mit einer Darbietung neu definiert, die die New York Times „die maßgebliche Interpretation unserer Ära“ nannte. Doch hinter der ätherischen Anmut verbarg sich eine Frau von wildem Ehrgeiz und komplexer Moral. Odettes Entscheidung, ihre Karriere um zwei Jahre zu verlängern, entsprang nicht künstlerischer Leidenschaft, sondern der Weigerung, das Rampenlicht abzutreten — insbesondere an Sylvie Morel, deren wachsende Anerkennung Odette als Bedrohung statt als Tribut empfand. Sie hatte hinter den Kulissen beim künstlerischen Direktor darauf hingewirkt, Sylvies Beförderung auf unbestimmte Zeit zu verzögern. Ihre heimliche Affäre mit dem Ehemann von Margaux Delacroix wiederum offenbarte ein Muster emotionaler Rücksichtslosigkeit — Odette nahm sich, was sie wollte, ohne Rücksicht auf die Trümmer, die sie hinterließ. Sylvie Morels Weg von Bewunderung über Besessenheit bis hin zur Mordabsicht vollzog sich über Jahre angesammelter Kränkungen und verbauter Chancen. Das Gewächshaus, das Tagebuch, der Etikettendrucker — jedes Element des Mordes wurde mit derselben Geduld und Präzision kultiviert, die Sylvie auch in ihren Tanz legte. Sie studierte Odettes Gewohnheiten mit der Aufmerksamkeit einer Zweitbesetzung, die sieben Jahre damit verbracht hatte, jedes Detail im Leben ihrer Ersten Tänzerin auswendig zu lernen — wartend in der Seitenbühne auf einen Moment, der auf legitimem Wege niemals kommen würde.
4 Personen hatten die Mittel, das Motiv oder die Gelegenheit. Nur eine von ihnen ist der Täter.
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Die Beweisakten: Kontaminiertes Augentropfenfläschchen, Belladonna-Gewächshaus, Sylvies privates Tagebuch, Backstage-Zugangsprotokoll, Gedruckte Etikettenkopien
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